Rundgang 2012

Von Zwärchfährern, dreckerten Reinländern und Kalchbrühspuren

Sechster Nachwächterrundgang durch Margetshöchheim

Auch bei der sechsten Auflage des inzwischen legendären Nachtwächterrundgangs führte Altbürgermeister Günter Stock wieder eine vielköpfige Menschentraube durch die dunklen Gassen des Margetshöchheimer Altorts. Historisch gewandet und stilecht ausgerüstet mit Nachwächterlaterne, mächtigem Alarmhorn und natürlich der Hellebarde, um streunenden Hunden und gefährlichem Gesindel Paroli bieten zu können, hatte Nachtwächter Günter Stock auch diesmal wieder viel Interessantes und Amüsantes aus längst vergangenem Dorfleben in unnachahmlicher schlitzohriger Art zu verlautbaren, das sonst unwiederbringlich in Vergessenheit geraten würde.

Der Rundgang, veranstaltet vom Ortsverein der SPD, begann traditionsgemäß am heutigen Rathaus, in der Nachbarschaft des einst zentralen Dorfplatzes am Main. Hier war das kommunikative Zentrum, der „Spätzplatz“ des Unterdorfes, an dem man sich traf; hier befand sich ein lebenswichtiger Verkehrsknotenpunkt: die Anlegestellen für den Marktschelch und für die große Fähre, die jahrzehntelang Fuhrwerke und Pendler nach Veitshöchheim übersetzte und - seit 1959 - die Endstation und der Wendeplatz des Straßenbahnbusses. In unmittelbarer Nachbarschaft fand man zwei Bäcker, einen Metzger, den Schmied und den Gärtner. Im heutigen Rathaus, bis 1975 Schulhaus, gab es für den reinlichen Margezöchemer, dem es daheim an zweckdienlicher Gelegenheit fehlte, u.a. sogar ein Wannenbad, in dem er nach allen Regeln der Kunst eingeseift und einer gründlichen Abreibung unterzogen wurde. - Eigentlich hat damals nur noch ein Wirtshaus unten am Main gefehlt. Bevor der Main in den 30er Jahren als Schifffahrtsstraße auf die heutige Breite und Tiefe ausgebaut und zwischen 1932 und 1935 die Staustufe bei Erlabrunn errichtet wurde, war der Main noch ein schmaler, schnell fließender Fluss. An seinen Ufern erstreckten sich die Mainwiesen, genutzt als Dreschplatz und zum Wäsche Waschen und Bleichen, und natürlich als beliebter Kinderspielplatz. Auf den zugefrorenen Altwässern fuhren die Kinder im Winter Schlittschuh. Dabei hat sich am 27. Dezember 1929 ein tragisches Unglück zugetragen, über das der Nachtwächter berichtete. Bei Tauwetter brach ein neunjähriger Schlittschuhläufer im dünnen Eis ein; drei befreundete Kinder und ein Erwachsener, die dem Jungen zu Hilfe kamen, versanken im eiskalten Wasser und ertranken. Auch das Margezöchemer Wassergeflügel hat sich auf den Mainwiesen aufgehalten; die Enten und Gänse fanden meist alleine den Weg zum Main und abends zurück in den Stall. Schwäne gab es auf dem Main damals noch nicht; aber man konnte sie auf dem fürstbischöflichen Hofgartensee in Veitshöchheim besichtigen. Heute ist es am Main nicht mehr so belebt wie damals. Und da die Kirchenglocken von Sankt Johannes und das Schlagwerk der Turmuhr ab 22 Uhr schweigen müssen, hört man nachts nur noch das Geschnarche aus den Häusern, den Wind in den Pappeln und die Güterzüge, die durch Veizöche donnern. Die originalen Glocken, während des Krieges zu Rüstungszwecken eingeschmolzen, wurden 1949 ersetzt. Fast 4000 kg Stahl mussten dabei im Glockenturm in die Höhe gezogen und aufgehängt werden. Die Turmuhr war schon 1948 eingebaut worden - ohne Ziffernblatt an der Veitshöchheim zugewandten Ostseite. Man hatte wohl schon früh erkannt, dass drüben die Uhren etwas anders gehen als in Marokko. Mit Hingabe beleuchtete Nachtwächter Günter Stock - mit Blick auf das heikle Mainstegthema - die traditionell enge Verbindung zwischen den beiden Höchheims und ihren Bürgern, die sich nicht nur gerne und oft von ihren jeweiligen Ufern aus beglotzt haben, sondern auch verwandtschaftlich und durch „Äckerli“ mit einander verbunden waren. Bis zur Fertigstellung der Zeller Brücke 1903 war die große Wagenfähre oder das winterliche Eis einziger Weg in das andere Höchheim, zu Bahnhof, Arzt und Apotheke. Über die Zeller Brücke konnten ab 1903 die Fuhrwerke außen rum fahren und über den Zeller Bahnhof wichtige Güter, z.B. Kohle, Dünger und Baumaterial heranschaffen. Der Fährbetrieb verlor so immer mehr an Bedeutung und wurde schließlich eingestellt, als 1959 die Würzburger Straßenbahn den Linienverkehr aufnahm und die Marokkaner die Eisenbahn nach Würzburg nicht mehr brauchten. All die Jahre über hatten Veitshöchheimer Fährleute die Verbindung zwischen beiden Höchheims betrieben. Sie wurden „Zwärchfährer“ genannt; nicht etwa, weil se zwärch im Kopf oder klein von Wuchs waren, sondern weil sie den Fluss überquert haben. Unausbleibliche Reibereien mit den Zwärchfährern über Fahrzeiten oder Fahrpreise wurden schließlich zu Geburtshelfern für den Bau des Mainstegs 1966. Wer früher zu seinem Garten oder Acker am Main, zur Fähre oder zum Sportplatz wollte, musste den „Steinernen Weg“ nehmen, einen schmalen Pfad, der steinig und lehmig war, mit einem Wassergraben in der Mitte. Bei Regenwetter war dieser Weg morastig und rutschig, so dass mancher - auch völlig nüchtern - in den Graben gerutscht ist. In der Stadt wurden Marokkaner „Reinländer“, also die, die vom Land rein gekommen sind, gleich an ihren Lehmschuhen, der verspritzten Hose und den dreckigen Strümpfen erkannt. Wer ins Kino oder Theater wollte, tat gut daran, Schuhputzlappen und Bürste mitzunehmen, um nicht sofort als dreckerter Reinländer identifiziert zu werden. Genüsslich berichtete der Nachtwächter auch vom Schabernack, der „sallemoals“ von jungen Marokkanern getrieben wurde, wenn im Aushangkasten der Gemeinde das Aufgebot von Brautleuten bekannt gegeben wurde. Wusste man nämlich z.B., dass der Bräutigam vorher schon mit einem anderen Mädchen im Dorf liiert war, wurde in der Nacht vor der Hochzeit von seiner Wohnung aus zum Haus der Verflossenen mit Kalkbrühe eine weiße Spur gezogen, die zeigte, dass er vorher auch schon mal andere Liebeswege genommen hatte.

Übrigens: All die interessanten Gschichtli aus dem Rundgangtext, die hier nur verkürzt und auszugsweise wiedergegeben sind, stammen von der „lebenden Ortschronik“ Werner Lennemann. Der Chor des Sängervereins bereicherte den Rundgang mit einigen heimatlichen Liedern. Zum Ausklang lud der SPD- Ortsverein zu Glühwein und Weihnachtsgebäck in den stimmungsvoll illuminierten Preuschenhof ein.

Text: Rüdiger Miers / Fotos: Werner Stadler

 
 

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